Donnerstag, 27. Mai 2010

Behavioral Economics & Choice Architecture IV: Standardvorgaben oder der Weg des geringsten Widerstands

Behavioral Economics macht als Annäherung für die Funktionsweise des Gehirns die Unterscheidung zwischen dem "automatischen System" und dem "reflektierenden System". Manchmal werden diese auch System 1 (Intuition) und System 2 (Nachdenken) genannt.

Das automatische System funktioniert schnell und instinktiv - diese Aktivitäten werden im ältesten Teil unseres Gehirns verarbeitet. Das reflektierende System arbeitet hingegen eher bedacht und bewusst.

Den Großteil der Zeit verwenden Menschen ihr "automatisches System"; es ist viel zu aufwendig und zeitraubend, die meisten Entscheidungen zu reflektieren und bewusst anzugehen.

Aus diesem Grund werden Faustregeln (Heuristiken) erlernt, die regelmäßig abgespult werden, Situationen werden zu optimistisch eingeschätzt, die eigenen Fähigkeiten werden mit übermäßigen Selbstvertrauen bewertet und Verluste werden negativer bewertet als vergleichbare Gewinne (Verlustaversion). Daher wird es für viele Menschen schwierig, sich vom Status-Quo zu lösen, obwohl es "vernünftig" wäre, diesen aufzugeben. Diverse Framing-Effekte (unterschiedliche Darstellungen identischer Entscheidungssituationen) führen dazu, dass unterschiedliche Darstellungen identischer Entscheidungssituationen zu sehr unterschiedlichen Entscheidungen führt.

Standardvorgaben (defaults) sind daher für viele Menschen eine willkommene "Pause" im täglichen intuitivem Entscheidungskampf - der Weg des geringsten Widerstands. Keine Entscheidung treffen zu müssen bedeutet, die Standardvorgabe zu akzeptieren. Je "normaler" die Standardvorgabe "geframt" ist (z.B. als empfohlene Handlungsweise oder als Handlungsweise, die eine überwiegende Mehrheit gewählt hat), desto stärker ist die Tendenz zur Akzeptanz von "defaults".

Standardvorgaben, in der Entscheidungsarchitektur eingesetzt, passen das Design von Produkten und Dienstleistungen den Präferenzen der Kunden an. Dies führt meist zu besseren und nachhaltigeren Entscheidungen; Standardvorgaben können jedoch nie die gesamte Bandbreite an Bedürfnissen abdecken und sind demnach nur in den seltensten Fällen endgültig.

Die relevanten Faktoren für die Festlegung von "defaults" sind die Auswirkungen auf den Gewinn des Unternehmens, Haftungsfragen, die Kundenzufriedenheit und das soziale Wohl.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Behavioral Economics & Anreize: Herausforderungen und Zukunft des Schweizer Finanzplatzes


Am 17. Mai referierte Philipp M. Hildebrand, Präsident des Direktoriums Schweizerische Nationalbank, vor der Zürcher Volkswirtschaftlichen Gesellschaft über das Thema:


" Weichenstellungen für die Schweizer Wirtschaft - Herausforderungen und Zukunft des Schweizerischen Finanzplatzes".

Das Referat ist eine bestechende Analyse der derzeitigen Situation des Finanzplatzes Schweiz mit einer klaren strategischen Empfehlung des Präsidenten für die Grossbanken.


1. Die Arbeitsproduktivität im Finanzsektor in der Schweiz ist beträchtlich und ist doppelt so hoch wie im Handel oder in der Industrie.

2. Das Banking spielt für die Schweiz und die Stadt Zürich eine sehr wichtige Rolle für die Wertschöpfung, als Arbeitgeber und als Steuerzahler.

  • Von 2000 - 2007 waren durchschnittlich ca. 190'000 Personen in der Schweiz im Finanzbereich tätig
  • 6% der Erwerbstätigen in der Schweiz erwirtschaften dabei rund 12% der inländischen Wertschöpfung (ca. 53 Mrd. Schweizer Franken)
  • Die direkten Steuern der Banken machen rund 25% der Steuereinnahmen der juristischen Personen bei Bund, Kantonen und Gemeinden aus. Rund 12.5% stammen dabei von den beiden Grossbanken
  • In den Jahren 2005 - 2007 trugen Banken und Versicherungen jährlich rund 66% zum Aufkommen an direkten Steuern der juristischen Personen in der Stadt Zürich bei.
  • Jeder sechste (rund 17%) Erwerbstätige in der Stadt Zürich arbeitet im Finanzsektor

3. Das Investment-Banking hatte die letzten 10 Jahre im Verhältnis zur Vermögensverwaltung eine schlechtere Rendite und ein höheres Risiko für die beiden Grossbanken.

4. Das Risiko im Investmentbanking (speziell im Eigenhandel, nicht in der Beratung) kann zu solch grossen Verlusten führen, dass es eine gesamte Volkswirtschaft langfristig sehr negativ beeinflussen kann

  • bisherige Aktionäre sind rechtlich nicht verpflichtet, möglicherweise nicht in der Lage oder nicht gewillt, diese Verluste zu tragen;
  • neue Aktionäre müssen erst gefunden werden, die einer verlustbringende Bank durch Kapitalerhöhungen das zur operativen Weiterführung notwendige Eigenkapital zu einer für alle Beteiligten akzeptablen Bewertung zur Verfügung stellen;
  • die Gewinne aus den Risikopositionen stehen jedoch den Aktionären zu;
  • diese asymmetrische Verteilung zwischen Gewinnen und Verlusten ist eine gefährliche Anreizstruktur für das globale Risikomanagement der Banken;
  • Das Problem ist, dass es aus Sicht der Eigenkapitalgeber wirtschaftlich sinnvoll ist, Eigenhandel zu betreiben und das Risiko dort möglicherweise noch zu steigern;
  • Aus Sicht vieler "Stakeholder" und volkswirtschaftlich ist es jedoch zumindest zweifelhaft, diesen Zweig des Investmentbankings zu betreiben;
  • Daher scheint es, dass diese Risikoausprägung des Investmentbanking, insbesondere des Eigenhandels von Banken, negative Auswirkungen für die Schweiz als Volkswirtschaft hat;


5. Es bestehen Zweifel, dass es grosse Synergien zwischen Inlands- und Auslandsgeschäft gibt (bisher noch keine empirischen Evidenzen).

6. Die Kernkompetenz der Schweizer Grossbanken liegt in der Vermögensverwaltung.

7. Damit sich der Finanzplatz Schweiz auf die Kernkompetenz Vermögensverwaltung konzentrieren kann, braucht es für die Banken klare Rahmenbedingungen. Daher sollte möglichst rasch mit den Nachbarn der Schweiz eine akzeptable Lösung der Besteuerung ausländischer Guthaben erzielt werden.

Wer dieses Referat im Ganzen lesen möchte, kann es hier auf der Seite der Schweizerischen Nationalbank (SNB) herunterladen.


Samstag, 1. Mai 2010

Behavioral Economics & Fairness: Der IWF ist ein willkommener Sündenbock

Menschen bestrafen die Überbringer schlechter Nachrichten. Für Manger kann es lohnend sein, unpopuläre Entscheidungen zu delegieren. Die griechische Regierung zeigt vor, wie das geht.

Wer trifft schon gerne Entscheidungen, die von den Betroffenen als nicht fair, sozial unverantwortlich, notwendig aber einschneidend und im Endeffekt als nicht populär wahrgenommen werden? Dass bereits der Überbringer der Nachricht, obschon in manchen Fällen weder verantwortlich für die Misere noch in den Entscheidungsprozess über die möglicherweise bereits getroffenen Massnahmen für eine Lösung involviert, mit dem Inhalt der Nachricht gleichgesetzt wird, haben uns schon in der Vergangenheit die Könige des Mittelalters gezeigt, die den Kurier bei schlechten Nachrichten einfach töten liessen. Auch Machiavelli riet, im Sinne des Machterhalts, harte Entscheidungen doch zu delegieren und sich auf die positiven Entscheidungen zu konzentrieren. Die Sanktionen sind heutzutage, Gott sei Dank, weniger blutig. Für Entscheidungsträger, die sich jedoch an dieser ungeschriebenen Regel nicht halten wollen, kann dies den beruflichen oder politischen „Tod“ bedeuten.

Als sich gegen Ende des vergangenen Jahres herausstellte, dass die finanzpolitische Lage von Griechenland viel dramatischer war, als von vielen Analysten, Beamten in Brüssel und den einzelnen EU-Staaten allgemein angenommen, begann auf politischer Ebene ein strategisches Spiel, das in weiten Teilen nur einen Zwecke hatte: Delegation von Entscheidung und Verantwortung für die harten Eingriffe, die Griechenland umsetzen wird.

Die Kernfrage war dabei, wie die desaströse finanzielle Lage des griechischen Staates schnell und mit den richtigen Maßnahmen gelöst werden konnte, damit einerseits ein Überschwappen auf die restlichen europäischen Länder verhindert werden konnte und andererseits kein Präzedenzfall geschaffen wurde, der „undisziplinierten“ Staaten aufzeigt, wie Konsequenzen in Zukunft zu umgehen sind, wenn sie sich nicht an die gemeinsamen europäischen finanzpolitischen Ziele halten.

Das Problem an der Sache war jedoch nur, dass niemand bereit war, die Entscheidung über das gesamte Maßnahmenpaket zu treffen. Die griechische Regierung, erst kürzlich gewählt, konnte mit Maßnahmen, welche von der Bevölkerung als „überhart“ wahrgenommen werden, nur verlieren. Falls die Europäische Union solche Maßnahmen diktiert hätte, wäre dies auf die griechische Regierung und die EU zurückgefallen. Der Vorwurf, nicht genügend hart mit der EU verhandelt zu haben, ist ein beliebtes und viel gebrauchtes Mittel der Opposition, um sich auf Kosten der Europäischen Union innenpolitisch zu profilieren. Zusätzlich erschwerend kommt noch hinzu, dass es sich hier nicht um einen klassischen politischen Meinungsbildungsprozess auf europäischem Niveau handelt, sondern um einen Sanierungsfall, der ökonomisch für Griechenland und die EU schnellstens gelöst werden musste. Für diesen Fall besitzt die EU derzeit aus verschiedensten Gründen (noch) keinen institutionellen Rahmen, der als Überbringer der Nachricht und „Masseverwalter“ die Reorganisation und die Verantwortung übernehmen kann.

Zwei Ökonomen der Universität Zürich, Urs Fischbacher und Björn Bartling, haben sich diesem Thema angenommen und in einer experimentellen Studie gezeigt („Delegation of Blame: On Delegation and Responsability“), dass unser laues Bauchgefühl und die machiavellischen Ratschläge stimmen, wenn wir Entscheidungen treffen und implementieren wollen, die auf anderen Menschen einen negativen Einfluss haben. Menschen bestrafen nachhaltig jene Personen oder Institutionen, die die schlechte Nachricht im Rahmen einer Entscheidung und Umsetzung implementieren. Sie interessieren sich jedoch weniger, wer diese Entscheidungen ursprünglich getroffen beziehungsweise delegiert hat. Bartling und Fischbacher stellten ein Experiment auf, in welchem Entscheidungsträger die Möglichkeit hatten, eine faire und eine unfaire Entscheidung entweder selber zu treffen oder diese an andere zu delegieren. Zusätzlich konnten die unfair behandelten Personen im Experiment den Entscheidungsträger bestrafen. Die Ergebnisse sind intuitiv einleuchtend und zeigen ein realistisches Bild der politischen und wirtschaftlichen Praxis: Verantwortung kann erfolgreich delegiert werden und bildet daher eine starkes Motiv, Entscheidungen, welche negativen Impact haben können, zu delegieren.

Und genau dies passierte während der vergangenen Monate in der Griechenlandkrise. Der IWF als „unabhängige“ und bewährte Institution für internationale Feuerwehrübungen wurde auch als geübter Überbringer der schlechten Nachrichten und damit als mögliche verantwortliche Institution identifiziert. Jetzt musste nur noch eine geeignete Dramaturgie gefunden werden, um den IWF in dieser Rolle zu positionieren, damit dieser seine Arbeit tun konnte.

Die griechische Regierung, bewusst oder unbewusst, war erleichtert, der eigenen Bevölkerung einen Sündenbock liefern zu können und gegenüber der EU konnte Griechenland zumindest einigermaßen sein Gesicht wahren; dies hilft eine drohende einseitige griechische Blockade für zukünftige Entscheidungen zu vermeiden, die einstimmig von allen Mitgliedsländern der EU verabschiedet werden müssen.

Ob der IWF diese Rolle auch in Zukunft für Europa ausführen wird, hängt davon ab, wie schnell im europäischen Währungsverbund eine „nichtpolitische“ Institution geschaffen werden kann, die IWF-ähnliche Rollen übernimmt und nicht vom europäischen Meinungsbildungsprozess in Brüssel abhängig ist. Die Rolle des politischen Sündenbocks spielt der IWF bereits heute bestens und überaus professionell.