Dienstag, 6. April 2010

Behavioral Economics & Choice Architecture II: Ein Versuch, die niedrige Organspenderrate in der Schweiz zu erklären

Wie im letzten Blog beschrieben, ist mit sehr wenig bis fast keinem Aufwand eine Optimierung des Schweizer Organspendegesetztes möglich. Die Auswirkungen auf Menschen auf der Warteliste wären sehr positiv. Es könnte sehr wahrscheinlich vielen Menschen geholfen werden, welche durch die heutige Gesetzesgrundlage nicht in den Genuss eines Spenderorgans kommen und deren Tod durch eine Opt-In Architektur gesellschaftlich in Kauf genommen werden muss.

Die Frage die sich stellt, und die auch schon öfters in der Schweizer Öffentlichkeit (Rundschau, Berner Zeitung, etc.) ausgiebig debattiert wurde, ist , welche Gründe dazu geführt haben, dass der Gesetzgeber sich schlussendlich gegen eine "Optimale Choice Architecture" im Spendengesetz entschieden hat.

Interessanterweise wird die Diskussion über diese Thematik noch durch die Tatsache erschwert, dass sich sehr wenige Gegner der Opt-out Architektur in der Öffentlichkeit explizit zu erkennen geben, aber auch in nicht in anonymen Befragungen und es eigentlich keine öffentliche bekennenden Gegener des Organspendens gibt.

Was sicherlich Nahe liegt ist, dass es um eine ethische Fragestellung handelt, die, wie alle Fragen dieser Art, mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Sensibilität angegangen werden muss. Ob jemand seine Organe spenden will oder nicht, ist eine sehr persönlich Sache, die für manche sehr schwer zu beantworten ist.

Wann tritt wirklich der Tod eines Menschen ein? Wie lange muss ein "gestorbener" oder sterbender Mensch nach seinem Hirntod noch künstlich am Leben erhalten werden, damit seine Organe entnommen werden können? Wie "menschenwürdig" ist solch ein Sterben? Wer profitiert von der Organspende, sprich, ist die Zuteilung der Spendenorgane "fair" oder wird vermutet, dass spezielle Gruppen einen Vorteil erhalten? Welche Art des Entscheidungsdrucks kann den nächsten Angehörigen in einer Extremsituation, wie dem Tod eines nahen geliebten Menschen, zugemutet werden? Welche Verantwortung hat der Organspendenempfänger für seine eigene Krankheit? etc.etc.

Rundschau vom 06.05.2009

Diese breite Palette an wichtigen offenen ethischen Fragen sind nicht einfach zu lösen und muss jeder Mensch für sich selber beantworten. Ob sich die meisten Menschen diesem sicherlich sehr schmerzvollen Bewusstseinsprozess des Sterbens beschäftigen wollen, kann bezweifelt werden. Es ist für viele Menschen, die mit voller Kraft im täglichen Leben stehen, schwierig zu akzeptieren, dass sie einmal sterben müssen - wie schwierig ist es dann, sich über das Spenden seiner eigenen Organe Gedanken zu machen.

Und genau hier setzt die "choice architecture" des Organspendegesetztes an. Heute entscheiden sich jene, die sich keine expliziten Gedanken über die sicherlich vorhandenen ethischen Fragen machen, jene, für die das Thema eigentlich keine Relevanz hat, gegen das aktive Spenden von Organen, da sie sich selber dafür einschreiben müssten. Jene Minderheit, die sich mit dieser Thematik beschäftig, entscheidet sich bewusst für oder gegen die Lösung - und dies ist, wie bei uns in der Schweiz, leider verschwindend kleine Zahl von Menschen wovon ein noch kleinerer Teil von Organspendern über bleibt.

Bei einer Opt-out Lösung geschieht genau das Gegenteil - wer sich bewusst dagegen entscheidet, kann sich aus der Spenderliste austragen lassen - mit dem Ergebniss, dass ein Grossteil der Schweizer von einem Tag auf den anderen zu potentiellen Organspendern werden - ohne dass dies ihre Rechte einschränken würde, ohne Verlust von Lebensqualität und Wohlstand.

Es kann möglich sein, dass es für manche Menschen schwieriger ist, "Nein" zu sagen, obwohl sie ihre Organe nicht spenden wollen; Dies sind die gesellschaftlichen Kosten dieser neuen Regelung - Kosten, die diese unsere Gesellschaft sicherlich tragen kann - der Dank der überlebenden Organempfänger ist ihnen sicher.


Rundschau vom 06.05.2009

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