Montag, 22. März 2010

Behavioral Economics & Choice Architecture I: Warum ist die Organspenderrate in der Schweiz so extrem niedrig?

Der aktue Mangel an Organspendern hat in den meisten Ländern zu langen Wartelisten, Frustrationen und grossen Ängsten bei Menschen geführt, deren Gesundheit und oft Leben an einer erfolgreichen Organtransplantation hängt. Weil die Nachfrage das Angebot in einem solchen Masse übersteigt wurden verschiedenste Lösungsvorschläge angedacht, um dieses Problem anzugehen: 1. Organempfänger sollen für den Erhalt von Organen bezahlen 2. Organe sollen nach dem Tod in den den Besitz des Staates übergehen 3. Kampagnen zur Information und Aufklärung der Öffentlichkeit über die Wichtigkeit des Organspendens werden regelmässig gefordert und auch lanciert. Prinzipiell kann die derzeitige gesetzliche Praxis in den verschiedensten Ländern mit folgenden Modellen beschrieben werden:
  • Widerspruchsregelung
  • Erweiterte Widerspruchsregelung
  • Zustimmungslösung
  • Erweiterte Zustimmungslösung
Die Widerspruchsregelung (auch Widerspruchslösung) ist dabei die am Weitesten gefasste Regelung. Sie bestimmt, dass ein Verstorbener jederzeit als Spender in Frage kommt, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich einer Spende widersprochen.

Die erweiterte Widerspruchsregelung umfasst zusätzlich noch das Recht, die Angehörigen nach dem Tod des potentiellen Spenders als Boten des Willens des Verstorbenen zu Lebzeiten zu akzeptieren.

Die Zustimmungslösung ist hingegen eine Regelung, bei welcher der Spender zu Lebzeiten erklärt haben muss, dass er Organspender werden will. Sie ist somit sehr eng gefasst, da eine ausdrückliche Willenserklärung vorliegen muss.

Bei der erweiterten Zustimmungslösung können nach dem Tod des Organspenders auch noch die Angehörigen zustimmen. Diese Regelung erweitert somit die Zustimmungslösung.

In einem sehr interessanten Aufsatz haben sich Eric J. Johnson and Daniel G. Goldstein mit dieser Problematik auseinandergesetzt und zusätzlich die bereits existierenden empirischen Befunde mit eigenen experimentellen Resultaten unterlegt.

Alle Länder mit einer sehr hohen Niveau an Organspendern (von Österreich bis Schweden) wenden die Widerspruchsregelung an (opt-out), alle Länder mit einem geringen Organspendenniveau die Zustimmungsregelung (opt-in).

Die Gründe für diesen grossen Unterschied sind nicht darin zu finden, dass sich Menschen diese Entscheidung leicht machen oder unverantwortlich mit dem Thema Organspenden umgehen. Interessanterweise ist genau das Gegenteil der Fall. Wenn Menschen zu diesem Thema gefragt werden, überlegen sich sehr viel, sorgen sich darum, die richtige Entscheidung zu treffen. Sich proaktiv mit einem ja für etwas entscheiden zu müssen ist schwieriger als keine Entscheidung treffen - auch wenn die Entscheidung möglicherweise nicht vollständig Ihren Befürfnissen und Präferenzen entspricht. Menschliche Bedürfnisse sind nicht stabil, weder zeitlich noch im Kontext. Vorgaben von Standards ("default options") sind daher nicht nur eine wichtige Entscheidungshilfe, sondern sparen Zeit und Kopfzerbrechen, die richtige Entscheidung treffen zu wollen. Dan Ariely illusrtiert dies auf seinem youtube-clip sehr spannend und unterhaltsam.

In der Schweiz war bis 2005 die Spenderrate im Vergleich zum anderen europäischen Ländern relativ tief (bei ca.1.2% in 2004). Auch das 2004 in der Schweiz erlassene Transplantationsgesetz , welches am 1. Juli 2007 in Kraft getreten ist, hat diese Rate nicht stark ansteigen lassen, da das Gesetz die erweiterte Zustimmungslösung vorsieht (eine gute Zusammenfassung ist hier erhältlich: Bundesamt für Gesundheit - Transplantationsmedizin)

Die Dramatik der Situation zeigt sich hauptsächlich für Patienen auf der Warteliste und deren Angehörige und Freunde. In der Schweiz sind Ende 2009 insgesamt 1'578 Personen auf der Warteliste, 67 oder 4.2% davon sind 2009 verstorben, da keine Transplantation durchgeführt werden konnte (ersichtlich auch im jährlichen Bericht der swisstransplant in: Organspende und Transplantation in der Schweiz Vorläufige Statistiken 2009.)

Warum sich die Schweiz für eine Regelung ausgesprochen hat, die willentlich und nachvollziehbar zu einer geringen Organspenderrate führt, wird in einem weiterem Blog behandelt werden. Darüber hinaus werde ich die 2008 durchgeführte Gesetzesnovellierung in Israel analysieren, die versucht, zwischen verschiedenen Positionen einen Mittelweg und religiösen Kompromis zu finden.

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